Wilde Gärten: eine Spurensuche in Südengland

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Wilde Gärten 

Einen üppig farbenfrohen, überbordenden Gartenstil bezeichnen Franzosen manchmal als Désordre britannique.

Aber ja, englische Gärten sind mitunter auf den ersten Eindruck schlicht „unordentlich“ und „unaufgeräumt“, man könnte meinen, schlecht konzeptioniert und gepflegt. Nein. Das sind sie keineswegs! Was wild gemischt und berstend vor Farben und Formen daherkommt, ist eine Art des Gärtnerns, die genau diesen Eindruck vermitteln möchte.

Der Wild Garden in Gravetey Manor

Es begann mit William Robinson (1838–1935). Sein Wild Garden liegt in West Sussex rund um das majestätische Gravetey Manor. Über das Entstehen dieses Gartens haben wir in diesem Blog schon ausführlich berichtet. Das sollte genügen. Jetzt geht es uns um jene Eindrücke, die wir Mitte Oktober 2012 vor Ort selbst gewinnen konnten.

Hier der Blick auf Gravetey Manor mit seiner berühmten Wildblumenwiese. Diese ist im Herbst mit Herbstzeitlosen durchzogen. Das Frühjahr hingegen begrüßt sie mit einem Meer aus Tausenden von Narzissen, Schachbrettblumen, Blausternen und anderen Geophyten. Das muss wahrhaft überwältigend sein. Und wir wissen jetzt schon, dass wir alleine für diesen Anblick wiederkommen werden.

Der Wild Garden in Gravetey ist durchwoben von schillernden Farben und eine pralle Üppigkeit begegnet einem, wohin man blickt. Dieser Eindruck entsteht durch die naturnahe Mischung aus Einjährigen, Stauden, Sträuchern und Bäumen. Das schafft einen Look, der das ganze Jahr hindurch überzeugt. Hier das Herbst-Outfit.

Die ganzjährige Schönheit dieses Gartens resultiert letztlich aus der Abscheu Robinsons vor dem Anblick blanker Erde. Er setzte daher auf Pflanzkombinationen, die sich selbst erhalten und möglichst natürlich wirken. Das bringt eine dauerhafte Fülle ins Beet und erlaubt eine große Vielfalt von Farben und Formen.


Besonders die bunt tanzenden Farbkombinationen in den Beeten sind es – zur Erinnerung: die Aufnahmen entstanden Mitte Oktober –, die das Auge am intensivsten herausfordern und uns am meisten begeisterten.

Farbexplosionen in Great Dixter

Gravetey war und ist für viele Gärtner ein Ort der Inspiration. So auch für den berühmten Christopher Lloyd. Wenn es um dramatische, bunte Spektakel, das Explodieren von Farben im Garten geht, dann fällt immer wieder sein Name. Er wurde für den Einsatz von ungewöhnlichen, spannungsgeladenen Farbkombinationen weit über England hinaus berühmt.

Great Dixter House & Gardens  – nur ungefähr 40 Meilen von Gravetey entfernt – ist ein bezaubernder Ort. Die Anlage lebt von der engen Verwobenheit seines sinnlichen, farbintensiven, maximal überbordenden Gartens mit einem dessen Besonderheit und Schönheit unterstreichenden Haus aus dem 15. und beginnenden 16. Jahrhundert. Von fast jeder Stelle des Gartens aus ist das Haus zu sehen – und diese Einheit von Gebäude und Gartenanlage macht den besonderen Charme des Anwesens aus.

Great Dixter hatte schon einen „funktionierenden“ Garten, bevor Lloyd in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts aktiv wurde. Die Gartenanlage stammt von keinem Geringeren als dem berühmten Architekten Sir Edwin Lutyens (er entwarf unter anderem die bekannte „Sissinghurst-Bank“). Christopher Lloyd, der zudem ein bekannter Gartenautor war, konnte auf dieser ausgefeilten Grundlage aufsetzen und machte den Garten mit seinen explosiven Pflanzeninszenierungen zu einem der bedeutendsten in England.

Die hier abgebildete berühmte Long Border in Great Dixter ist es, die maßgeblich zu seinem Ruhm beigetragen hat. Sie ist 4,5 Meter tief, 60 Meter lang und ein Blühwunder von April bis Oktober.

Wer sich mit dem 2006 verstorbenen Christopher Lloyd näher befassen möchte – und das ist ein reines Vergnügen –, dem sei ganz besonders sein Briefwechsel mit Beth Chatto „Dear Friend and Gardener“ ans Herz gelegt. Ein Buch über das Gärtnern, das tiefgründig und liebevoll zeigt, was wahre englische Gartenpassion meint.

Wer plant, Great Dixter zu besuchen, profitiert von dieser Lektüre ganz besonders. Zu viele Kleinodien (z. B. der geliebte Dackel Canna als Bodenmosaik), zu viele Pflanzenschätze, die man sonst bei der Fülle der Eindrücke vielleicht übersehen würde. Schließlich ist die Gärtnerei auf dem Gelände von Great Dixter für ihre ausgesuchten und überwiegend aus dem eigenen Bestand kommenden Pflanzen berühmt.

There is much more to see

Sicherlich sind Gravetey Manor und Great Dixter die wichtigsten wilden Gärten in Südengland. Aber natürlich gibt es noch andere Orte, an denen sich Zitate dieses Gartenstils finden. Zu nennen ist hier unbedingt der Wild Garden des RHS-Schaugartens in Wisley in der Nähe von Woking (Surrey).

Und auch im stilbildenden englischen Garten des Amerikaners Lawrence Johnston, in Hidcote in Gloucestershire, stehen klassische Bereiche (wie die bekannte Red Border) neben wilden Elementen – ebenfalls absolut sehenswert.

Weitere Anlagen, die klassische Elemente mutig mit diesem wild style kombinieren: Cothay Manor – einer unserer absoluten Garten-Favoriten – hat in seinen Gartenräumen viel Wildes, Üppiges, pure Gartensinnlichkeit.

Ebenso wie Loseley Park in Surrey, das in klare, lineare Elemente eingefasste Pflanzendramaturgien zeigt.

Dann ist da auch noch Penjerrick … aber das ist eine andere Geschichte. Und die wird im nächsten Post erzählt.

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Ein Kommentar zu Wilde Gärten: eine Spurensuche in Südengland

  1. Monika sagt:

    Ein sehr netter Bericht.

    Ich finde besonders die englischen Gärten sehr schön und bin ein großer Fan von englischer Gartenkunst. Wir haben unseren Garten auch im englischen Gewand angebaut. Wenn jemand auf der suche nach einen netten englischen Gartenshop ist dann sollte er unbedingt mal http://www.villa-jähn.de besuchen.

    Ich schaue mal wieder rein und würde mich über weitere Beiträge sehr freuen.

    Liebe Grüße

    Monika aus Kassel

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